Theoretischer Hintergrund

Zugehörigkeit als psychologische Ressource

In der Psychologie wird zwischen personalen, materiellen und sozialen Ressourcen unterschieden. Personale Ressourcen sind positive Erwartungshaltungen an die eigene Handlungskompetenz wie internale Kontrollüberzeugungen, positiver Selbstwert und hohe Selbstverpflichtung (Lazarus & Folkman, 1987). Materielle Ressourcen sind beispielsweise ökonomische Mittel. Soziale Ressourcen sind soziale Beziehungen aus denen emotionale, kognitive und instrumentelle Unterstützung kommen kann. Die Wahrnehmung, Teil einer Gesellschaft oder Gemeinschaft zu sein ist einer der stärksten Schutzfaktoren für Gesundheit und Wohlergehen und ein essenzielles menschliches Bedürfnis, das individuellen Motiven zugrunde liegt (Baumeister & Leary, 1995, Fiske, 2009; Leary, Raimi, Jongman-Sereno, & Diebels, 2015). Schon Anzeichen minimaler Inklusion kann diese Effekte bewirken. Das können symbolhafte Umgebungsfaktoren (zum Beispiel numerische und physikalische Repräsentationen), die Wahrnehmung von minimalen Gemeinsamkeiten oder die Erwartung positiver Interaktion sein (Cheryan, Plaut, Davies, & Steele, 2009; Deegan, Hehman, Gaertner, & Dovidio, 2015; Murphy, Steele, & Gross, 2007; Walton, Cohen, Cwir, & Spencer, 2012). Solche minimalen Zugehörigkeits- (oder auch Nichtzugehörigkeits-) hinweise könnten UMF wahrnehmen. Ein Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland könnte eine wichtige Ressource bei der Bewältigung von alltäglichen Anforderungen. Ein Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland könnte dazu beitragen, dass UMF ihre Lebenswelt und Zukunftsperspektiven eigenmächtiger gestalten (Empowerment). Diese individuelle Stärkung kann nicht die Umsetzung des Rechts auf Entwicklung, Teilhabe und Gleichberechtigung ersetzen. Das ist eine Frage von struktureller und sozialer Integration.

Psychologisches Empowerment durch Photovoice

Photovoice zielt neben Erkenntnisgewinn auch darauf ab, Personengruppen zu empowern. In dieser Studie soll das durch eine Fotoausstellung sowie die Erstellung einer Projektdokumentationsbroschüre realisiert werden. Zweitere können die UMF zu Anhörungen oder Hilfeplangesprächen mitnehmen – so hätte die Teilnahme an diesem Projekt auch einen sehr praktischen Nutzen für die UMF haben. Hilfeplangespräche führen Betreuer_innen des Jugendamtes halbjährlich und bei Übergängen mit UMF durch. Sie erstellen darauf aufbauend einen Entwicklungsplan – meist mit wenig Partizipation der UMF. Studien ergaben, dass für viele die Erfahrung, nach ihren Wünschen, Interessen und Kompetenzen gefragt zu werden, neu ist (Noske, 2015). In der Praxis mangelt es oft an Zeit, Willen und Methoden, sie in die Entwicklung ihrer Zukunftsperspektiven stärker einzubeziehen. Psychologische Forschung kann dazu beitragen, diese Lücke zu schließen. Diese Studie soll UMF darin bestärken, ihre Anliegen zu formulieren und für sie einzutreten. Das wiederum dürfte Fallveranwortliche stärker sensibilisieren und sie können leichter passende Möglichkeiten und Zwischenschritte aufzeigen und koordinieren was auf beiden Seiten zu mehr Identifikation und Nachhaltigkeit führen könnte. Hilfeangebote können so konzeptionalisiert werden, dass sie für UMF motivierend und potenziell kooperations- und gesundheitsfördernd sind.

In der vorliegenden Feldstudie wird neben der Untersuchung der sozialen Ressource Zugehörigkeit dieser Empowermentprozess untersucht und Photovoice wird dahingehend evaluiert. Dazu werden Kriterien für Empowerment nach Cattaneo und Chapman (2010) herangezogen. Diese Kriterien sind persönlich bedeutsames und machtorientiertes Ziele, Selbstwirksamkeit, Wissen und Kompetenz, Handlungsorientierung und Wirkung. Sozialer Einfluss kann ein persönlich bedeutsames und machtorientiertes Ziel für die UMF sein. Der relativ hohe Grad an Autorenschaft und Partizipation kann die Selbstwirksamkeit der UMF erhöhen. Wissen um Ressourcen, Strukturen, Möglichkeiten und kritisches Bewußtsein sowie Handlungskompetenz und -orientierung kann während des Photovoiceprozesses erhöht werden und schließlich kann die öffentliche Fotoausstellung und Projektdokumentationsbroschüre die Wirkungsbeurteilung von Photovoice erhöhen. Wenn sich die Ausprägungen dieser Empowermentvariablen vor und nach der Studie substanziell unterscheiden, könnte Photovoice auch bei anderen UMF sinnvoll als Empowerment-Intervention eingesetzt werden. Bei Photovoice sollten auch Herausforderungen und mögliche negative Effekte beachtet werden, dazu mehr hier.

Literatur:

Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529.

Cattaneo, L. B., & Chapman, A. R. (2010). The process of empowerment: A model for use in research and practice. American Psychologist, 65(7), 646–659. doi: 10.1037/a0018854

Cheryan, S., Plaut, V. C., Davies, P. G., & Steele, C. M. (2009). Ambient belonging: how stereotypical cues impact gender participation in computer science. Journal of Personality and Social Psychology, 97(6), 1045–1060. doi: 10.1037/a0016239

Deegan, M. P., Hehman, E., Gaertner, S. L., & Dovidio, J. F. (2015). Positive expectations encourage generalization from a positive intergroup interaction to outgroup attitudes. Personality & Social Psychology Bulletin, 41(1), 52–65. doi: 10.1177/0146167214556240

Fiske, S. T. (2009). Social beings: core motives in social psychology. Hoboken, NJ: Wiley.

Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1987). Transactional theory and research on emotions and coping. European Journal of Personality, 1(3), 141–169. doi: 10.1002/per.2410010304

Leary, M. R., Raimi, K. T., Jongman-Sereno, K. P., & Diebels, K. J. (2015). Distinguishing intrapsychic from interpersonal motives in psychological theory and research. Perspectives on Psychological Science, 10(4), 497–517. doi: 10.1177/1745691615583132

Murphy, M. C., Steele, C. M., & Gross, J. J. (2007). Signaling threat: how situational cues affect women in math, science, and engineering settings. Psychological Science, 18(10), 879–885. doi: 10.1111/j.1467-9280.2007.01995.x

Noske, B. (2015). Die Zukunft im Blick. Die Notwendigkeit, für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Perspektiven zu schaffen. Berlin: Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V.

Walton, G. M., Cohen, G. L., Cwir, D., & Spencer, S. J. (2012). Mere beloning: the power of social connections. Journal of Personality and Social Psychology, 102(3), 513–532. doi:10.1037/a0025731

Wang, C. C., & Burris, M. A. (1997). Photovoice: concept, methodology, and use for participatory needs assessment. Health Education & Behavior, 24, 369–387. doi: 10.1177/109019819702400309