Die Studie

Erhebungsinstrumente

Fragebogen und Fotoinstruktionen sind auf Deutsch, Englisch, Französisch, Farsi und Arabisch verfasst. Die Photovoice-Fokusgruppen werden mit Dolmetscher durchgeführt.

Fragebogen

Vor der Photovoicestudie werden demografische Variablen erhoben. Fragen, die inhaltlich persönliche Fluchterfahrungen betreffen, werden vermieden um einer möglichen Retraumatisierung entgegen zu wirken. Weitere Items zu Identifikation, wahrgenommener Ähnlichkeit, Inklusion und Zugehörigkeit, Kontakterwartungen, Kontakterfahrungen, Selbstwertgefühl, Wohlbefinden, Stresserleben, Coping und soziale Unterstützung sowie Empowerment werden zu zwei Messzeitpunkten erhoben (T1 = vor der Fotografierphase und T2 = nach der Fokusgruppendiskussion). Alle Items werden auf Deutschland/Deutsche und den Zeitraum der letzten Woche bezogen.

Photovoice

Die Teilnehmenden sollen ihr Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland fotografieren. Dazu werden Einwegkameras verwendet. Die Verwendung von Fotos, die nicht während der Photovoicestudie aufgenommen wurden, wird dadurch verhindert und der Forschungsprozess weiter standardisiert. Die UMF erhalten diese Anweisung zum Fotografieren: “Stell dir vor, du sollst einem Außerirdischen erklären, was Zugehörigkeit bedeutet. Der Außerirdische spricht nicht deine Sprache. Damit er dich besser versteht, willst ihm Fotos dazu zeigen. Bitte fotografiere deswegen deine Umgebung zu diesen beiden Fragen:

  1. Hast du in Deutschland das Gefühl, dazuzugehören? Woran erkennst du es?
  2. Hast du in Deutschland das Gefühl, nicht dazuzugehören? Woran erkennst du es?

Du kannst alles in deiner Umgebung fotografieren, was dir zu diesen beiden Fragen wichtig ist. Wenn du dich einmal nicht traust, dann fotografiere etwas stellvertretendes und erkläre später, was du damit gemeint hast. Wir freuen uns auf deine Fotos und sind gespannt auf deine Erzählungen!” Zur Vorbereitung auf die Fokusgruppendiskussion wird folgende Anweisungen zur Reflexion verteilt: “Bitte mache dir Gedanken zu deinen Fotos. War es einfach, das Thema zu fotografieren? Hat dir das Fotografieren Spaß gemacht? Hattest du Probleme dabei, etwas zu fotografieren? Welche Fotos sind für dich am Wichtigsten?” Die Fokusgruppen werden mit dem Ziel moderiert, die wichtigsten Inhalte, Prozesse und Zusammenhänge mit den UMF zusammen zu generieren (partizipative Auswertung): Moderationsfragen sind: “Welche Gemeinsamkeiten gibt es auf den Fotos, die an der Wand hängen? Welche Unterschiede gibt es? Wie geht es euch, wenn ihr darüber nachdenkt? Welche Bedeutung hat das für euch? Was hat das mit eurem Leben zu tun? Warum existieren diese Gemeinsamkeiten? Warum diese Unterschiede? Wie können wir durch unsere neuen Einsichten gestärkt werden? Welche Ziele können wir formulieren? Was können wir tun?” (adaptierte SHOWED-Fragetechnik nach Hergenrather, Rhodes, & Clark, 2006).

Untersuchungspersonen

Untersucht werden mindestens 80 UMF. Teilnehmende werden in Schulen mit Willkommensklassen und über Einrichtungsträger von Gemeinschaftsunterkünften gewonnen.

Pseudonymisierung

Alle Informationen und Daten werden pseudonymisiert. Alle Kameras werden vor der Studie durchnumeriert. Beim Austeilen der Kameras wird der Name neben der Kamera-nummer vermerkt. Diese Liste verbleibt bei der Schul- bzw. Einrichtungsleitung. Im weiteren Verlauf der Studie, Auswertung und Fotoaustellung wird von der Forscherin dann ausschließlich die Kameranummer zur Zuordnung der Daten verwendet und bei der Fotoausstellung u.U. sog. Künstlernamen. Informationen werden ohne Einwilligung der Teilnehmenden nicht an Behörden oder Dritte weitergegeben. Einwegkamers werden auch zum Schutz der Privatsphäre der UMF verwendet.

Setting

Die Studie wird 2016 in Berlin durchgeführt.

Untersuchungsdurchführung

Das Projekt besteht aus drei Treffen mit den Teilnehmenden. Beim ersten Treffen werden die Teilnehmenden über das Forschungsprojekt und den Ablauf informiert. Weitere Elemente sind der Reihenfolge nach: Besprechung von technischen, gestalterischen und ethischen Aspekten des Fotografierens; Einführung von Gruppenregeln; Einholung des Einverständnisses zur Teilnahme (informed consent nach APA, 2014); Fragebogenerhebung (T1); Priming und Verdeutlichung des Forschungsthemas in Form einer gemeinsamen Ideensammlung und abschließend Austeilen von Einwegkameras und Foto-Instruktion. Danach folgt die Feldphase des Fotografierens. Nach ca. einer Woche sammelt die Forscherin die Kameras wieder ein und verteilt die Anweisungen zur Foto-Reflexion. Nach einer weiteren Woche findet die Gruppendiskussion statt (Aufzeichnung per Audio). Die Forscherin bringt dazu die ausgedruckten Fotos mit und die UMF wählen zu den beiden Instruktionen aus ihren Fotos das jeweils passendsten aus und geben diesen beiden Fotos eine Bildunterschrift (auf der Fotorückseite vermerkt). Danach werden reihum die ausgewählten Fotos vorgestellt (Beschreibung der abgebildeten Inhalte und der subjektiven Bedeutung) und an der Wand aufgehängt. Begonnen wird mit den Fotos zu Instruktion 1 und in der nächsten Runde zu Instruktion 2. Anschließend werden die Fotos und Erzählungen in Fokusgruppen diskutiert und die abhängigen Variablen wiederholt erfasst (T2). Diese partizipative Forschungsphase wird mit der gemeinsamen Fotoausstellung beendet. Danach folgt die Auswertung der Forscherin und die Evaluation des Photovoiceprozesses.

Auswertung

Für die qualitative Analyse werden sinntragende Elemente und Aussagen der Fotos, Bildunterschriften und der Transkripte der Fokusgruppen mit MAXQDA nach Indikatoren für Zugehörigkeitsgefühl kodiert und ausgewertet. Die Kodierungen werden nach Qualität und Häufigkeit ausgewertet und dann zu inhaltlichen Themen zusammengefasst (Braun & Clarke, 2006).

Analyse der Fotos, Bildunterschriften und Transkripte

Die denotativen Repräsentationen (Barthes, 1978) auf den Fotos sind: Art des Bildinhalts (Person oder Objekt?), Anzahl der Bildobjekte, Nähe zum Bildinhalt (Perspektive, Bildausschnitt, Komposition), Ort der Bildobjekte (privater oder öffentlicher Raum?), zeitlicher Bezug (aktuell? Frequenz?), Art der Beziehung (gegenseitig oder einseitig?). Diese visuellen Repräsentationen werden in Verbindung mit den Bildunterschriften und Fokusgruppenaussagen auf ihren symbolischen Gehalt hin kodiert und analysiert (siehe Panofsky, 1972).

Indikatoren. Die Fotos und Texte werden nach folgenden Indikatoren kodiert (wobei induktiv weitere Indikatoren generiert werden können):

  • Zugehörigkeitsbedürfnis: regelmäßige und nicht negative Interaktion; kontinuierliches und möglichst gegenseitiges Interesse und Fürsorge
  • Zugehörigkeitsgefühl, affektive Bindung zu Deutschland: z.B. physikalische oder numerische Repräsentationen, minimale Ähnlichkeiten, erwarteter positiver Kontakt
  • Qualität des Kontakts bzw. der Repräsentation, Kontaktbedingungen, z.B.:
    • Symbolhaft-physikalische vs. soziale Repräsentation
    • Art: z.B. direkt, indirekt, erweitert, stellvertretend, vorgestellt
    • Emotionale Valenz: z.B. positiv, negativ, freundschaftlich, ängstlich, respektvoll, vertrauensvoll, Sympathie, Mögen
    • Reziprozität
  • Personale vs. soziale Identität: z.B. Einzigartigkeit, Authentizität vs. Gruppenzugehörigkeiten
  • Ressourcen und Bedarfe: z.B. soziale Unterstützung
  • Coping, Einsamkeit, Zurückweisung, Diskriminierung, Stress, Akkulturationsstress
Literatur (Auswahl)

Barthes, R. (1978). Image-Music-Text. New York: Farrar Straus Giroux.

Braun, V., & Clarke, V. (2006). Using thematic analysis in psychology. Qualitative Research in Psychology, 3(2), 77–101. doi: 10.1191/1478088706qp063oa

Hergenrather, K. C., Rhodes, S. D., & Clark, G. (2006). Windows to work: ex-ploring employment-seeking behaviors of persons with HIV/AIDS through Photovoice. AIDS Education and Prevention: Official Publication of the International Society for AIDS Education, 18(3), 243–258. doi: 10.1521/aeap.2006.18.3.243

Panofsky, E. (1972). Studies in iconology: humanistic themes in the art of the renaissance. Boulder, CO: Westview Press.