Praktischer Hintergrund

Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die ohne Begleitung einer sorgeberechtigten Person nach Deutschland einreisen und hier leben, stieg in den letzten Jahren rapide an. Allein 2013 kamen 77% mehr als in den vier Jahren zuvor. Derzeit leben rund 14.000 UMF in Deutschland (Statistisches Bundesamt, 2015). Der Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (BunF) fordert auf struktureller Ebene die Sicherung des Aufenthaltsrechts (durable solutions, siehe auch Europäische Union, 2013; UNHCR/UNICEF, 2014). Nur so können für und mit UMF realitische Zukunftsperspektiven entwickelt werden. Um die Orientierung am Kindswohl zu gewährleisten, sollten Politik und Jugendhilfe stärker vernetzt werden. Auf institutioneller Ebene fordert der BunF die Anpassung der Betreuung an die spezifischen Bedürfnisse der UMF und Kompetenzerweiterung von Betreuern. UMF befinden sich bis zur Klärung ihres Aufenhalts in einer zermürbenden Wartesituation. Sie bleiben dabei oft auf sich selbst gestellt, insbesondere bei Erreichen der Volljährigkeit oder abrupter Aufenhaltsbeendigung. Der Verband warnt vor sozialer Isolierung in besonderen Aufnahmeeinrichtungen. Hierdurch wird das Recht auf Entwicklung, Teilhabe und Gleichberechtigung verletzt und UMF blieben gesellschaftlich unsichtbar, fremd und nicht-zugehörig (Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V., 2016).

UMF weisen eine hohe und stabile Rate von internalisierenden psychologischen Störungen auf (PTBS, Depression, Angst). Risikofaktoren sind traumatische Erfahrungen, körperliche Verletzungen und Alltagsbelastungen. Sie können auf weniger bedeutsame Schutzfaktoren zurückgreifen als andere Migranten (schützendes familiäres Umfeld und soziale Unterstützung). Trotzdem existiert ein erheblicher Anteil resilienter UMF mit relativ hoher Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Sprachunterrricht, Bildung, Ausbildung und Arbeit wird als zentral angesehen. Viele UMF leben selbstständig oder teil-selbstständig und wünschen sich mehr soziale und kulturelle Einbettung. Die Gruppe der UMF ist sehr heterogen und möglicherweise weisen Subgruppen spezifische Schutzfaktoren auf. Kliniker fordern die Identifikation von weiteren protektiven Faktoren (im Überblick: Witt, Rassenhofer, Fegert, & Plener, 2015).

 Literatur:

Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V. (2016). Asylpaket II: Schnellverfahren und besondere Aufnahmeeinrichtungen verstoßen gegen die UN-Kinderrechtskonvention! [Pressemitteilung]. Retrieved February 29, 2016, from http://www.b-umf.de/images/PM_Asylpaket_II.pdf

Europäische Union. (2013). Richtlinie 2013/33/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 zur Festlegung von Normen für die Aufnahme von Personen, die internationalen Schutz beantragen (Neufassung). Retrieved February 3, 2016, from www.eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX: 32013L0033&from=DE

UNHCR/UNICEF. (2014). Safe and Sound: what States can do to ensure re-spect for the best interests of unaccompanied and separated children in Europe. Brüssel: UNHCR/UNICEF. Retrieved from www.refworld.org/docid/5423da264.html

Statistisches Bundesamt. (2015). Unbegleitete Einreisen Minderjähriger aus dem Ausland lassen Inobhutnahmen 2014 stark ansteigen [Pressemitteilung]. Retrieved February 29, 2016, from www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/ Pressemitteilungen/2015/09/PD15_340_225pdf.pdf?__blob=publicationFile

Witt, A., Rassenhofer, M., Fegert, J. M., & Plener, P. L. (2015). Hilfebedarf und Hilfsangebote in der Versorgung von unbegleiteten  minderjährigen Flüchtlingen. Kindheit Und Entwicklung, 24(4), 209–224. doi: 10.1026/0942-5403/a000177