Photovoice

Für die picturesofidentity-Projekte wird die qualitative Methode Photovoice (C.C. Wang & Burries, 1997) eingesetzt. Photovoice folgt einem partizipativen Forschungsansatz und zielt darauf ab, soziale Wirklichkeit partnerschaftlich zu erforschen und zu beeinflussen (von Unger, 2014). Bei Photovoice fotografieren Teilnehmende nach einem Auftrag ihre Umgebung, reflektieren dann ausgewählte Fotos in Fokusgruppen und kommunizieren die Ergebnisse beispielsweise in Form einer abschließenden öffentlichen Ausstellung oder der Veröffentlichung im Internet. Das Akronym VOICE steht für Voicing Our Individual and Collective Experience

Mit Photovoice werden drei Hauptziele verfolgt:

  • Stärken und Anliegen einer Gemeinschaft erfassen und reflektieren,
  • kritischen Dialog und das Wissen über wichtige Themen durch Gruppendiskussion fördern und
  • Politik zu erreichen.

Wang und Burris benannten drei theoretische Quellen für die Entwicklung der Methode: Erstens die Theorie der Bildung von kritischem Bewusstsein (Freire, 1970, 1973). Freire entwickelte aus den alltäglichen Lebenserfahrungen seiner Schüler Wortlisten für Alphabetisierungskurse. Über kritischen Dialog identifizierten sie gemeinsame, übergeordnete Themen. Freire betonte die Bedeutung des kollektiven Wissens bei der Aufdeckung von persönlichen und gesellschaftspolitische Problemen. Zweitens basiert Photovoice auf feministischen Ansätzen (Maguire, 1987)und drittens auf Dokumentarphotographie. Beispielsweise beauftragte Roy Stryker (1967) ein Fotografenteam, um die Beziehung zwischen ländlicher Armut, unsachgemäßer Bodennutzung einerseits und dem Wachstum und Verfall der Städte andererseits zu dokumentieren. Bei Photovoice dokumentieren direkt betroffene Menschen ihre Realität dagegen selbst. Sie verfügen über mehr Einblick und Know-How als Profifotografen oder Außenstehende. Wichtige Werte sind: Sicherheit und Wohlbefinden der Teilnehmenden, eine Philosophie des Zurückgebens der Photos als Ausdruck der Wertschätzung und des Respekts, Wahrung der Privatsphäre und Wahrung der Rechte Dritter. Deswegen beinhaltet Photovoice folgende Elemente: eine schriftliche Einwilligung der Teilnehmenden und der photographierten Menschen.

Das Grundkonzept von Wang und Burries (1997) wurde vielfach modifiziert, auch von Wang selbst. Sie führte in einer Studie zu chronischen Schmerzen älterer Menschen nur Einzelinterviews durch (Baker & Wang, 2006). In einer anderen Studie wurde das Postulat nach Partizipation unzureichend erfüllt (Oliffe & Bottorff, 2007) oder soziale Veränderung wurde nicht angestrebt (Streng et al., 2004) oder In diesen Studien stand eher ein vertiefter Erkenntnisgewinn im Vordergrund. Weitere Ziele eines Photovoiceprojekts kann zum Beispiel eine Bedarfsanalyse, Evaluation oder Empowerment sein. Klassische Anwendungsgebiete sind Gesundheits-, Community- und Kommunikationsforschung sowie Interventionen zur Förderung von Teilhabe und Gesundheit (ein Überblick: Castleden, Garvin, & First Nation, 2008; Catalani & Minkler, 2010; Delgado, 2015). Auch für viele sozialpsychologische Fragestellungen wurde Photovoice verwendet. Beispielsweise untersuchten Q. Wang und Hannes (2014) die soziokulturelle und akademische Anpassung von internationalen Studierende. Rania, Migliorini, Rebora und Cardinali (2014) untersuchten individuelle Einstellungen gegenüber Integration bei jungen Italiener_innen und steigerten dadurch ihr Interesse und kritischen Dialog über das Thema. Collie, Liu, Podsiadlowski und Kindon (2010) führten eine Studien mit Migrantinnen und ehemaligen Flüchtlingen durch. Hatzigeorgiadis, Morela, Elbe, Kouli und Sanchez (2013) untersuchten Akkulturationsprozesse, spontane Kategorisierung und die integrative Rolle von Sport in multikulturellen Gesellschaften. Obwohl Photovoice oft als Community-Intervention konzipiert ist, wurde der Effekt einer Photovoice-Intervention häufig nicht beschrieben (Catalani und Minkler, 2010).

Durchführung einer Photovoice-Studie

Photovoice kann in Abhängigkeit von der Forschungsfrage, Zeit- und Kostenfaktoren, speziellen Merkmalen der Untersuchungsgruppe oder des Untersuchungskontextes usw. adaptiert werden. Üblicherweise besteht ein Photovoiceprozess aus sieben Phasen (siehe zum Beispiel von Unger, 2014):

figure photovoice

 

Nach Planung und Vorbereitung des Forschungsprozesses (Phase 1) findet das Photovoice-Training statt (Phase 2). Bei diesem Training werden die Teilnehmenden über das Projekt informiert, als Co-Forscher_innen und in technischen, fotografischen und ethischen Aspekten von Fotografie geschult, Gruppenregeln werden eingeführt, eine schriftliche Einverständniserklärung eingeholt sowie die Anweisungen zum Fotografieren ausgeteilt. Danach folgt die Feldphase des Fotografierens (Phase 3) und dann die Fokusgruppen mit der partizipativen Auswertung (Phase 4). Wang und Burries schlagen als ideale Anzahl für die Fokusgruppen  8-12 Personen vor. Die partizipative Auswertung besteht aus drei Stufen:

  1. Die Teilnehmer_innen wählen die passendsten Fotos aus (Auswahl),
  2. sie beschreiben die dargestellten Inhalte, begründen die Auswahl des Fotos und geben an, was sie mit dem Bildinhalt in Verbindung bringen. Die Gruppe diskutiert danach die angesprochen Themen (Kontextualisierung) und
  3. fasst zentrale Themen und Ergebnisse werden zusammen (Kodifizierung).Die Kodierungen können unmittelbar definiert oder nach systematischer Sammlung von Themen und Mustern analysiert werden. Die Teilnehmer_innen erstellen ggf. eine weitere Fragestellung für eine weitere Feld- und Analysephase – je nachdem, ob der Erkenntnisprozess als gesättigt angesehen wird.

Die Fokusgruppen werden moderiert. Dafür kann beispielsweise die SWOWeD-Technik (Hergenrather, Rhodes, & Clark, 2006) eingesetzt werden. Hier wird die partizipative Analyse von Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Fotos und Erzählungen, alternative Interpretationen und strukturelles Verständnis sowie kritischer Dialog durch folgende Fragen angeregt: Was ist auf dem Photo zu sehen?, Was ist die Geschichte hinter dem Bild?, Wie wirkt sich das auf unser Leben aus?, Warum tritt dieses Problem oder diese Stärke auf? und Was können wir dagegen tun? (What do you See here?, What is really Happening?, How does this relate to Our lives?, Why does this problem or strength exist? und What can we Do about it?). Die Gruppendiskussionen können aufgezeichnet werden um detaillierte und wörtliche Dokumentation zu ermöglichen. Zusätzlich zu der partizipativen Auswertung können diese Audiomitschnitte und/oder Fotos von den Forschern weiter analysiert werden (Phase 5). Dazu können Inhaltsanalysen (zum Beispiel Braun & Clarke, 2006), hermeneutische Methoden (zum Beispiel Wernet, 2009) oder visuelle Analysen (zum Beispiel Barthes, 1978; Panofsky, 1972) herangezogen werden. Danach werden die Befunde veröffentlicht (Ausstellung, Internet, Medien, …). Dadurch sollen die Anliegen der Teilnehmenden sichtbar gemacht und ihr sozialer Einfluss erhöht werden (Phase 6). Abschließend wird der Photovoiceprozess evaluiert (Phase 7).

Vorteile und Nachteile von Photovoice

Aus methodologischer Sicht bietet der Einsatz von Fotos einige Vorteile. Dadurch, dass Teilnehmende ihre Umgebung selbst fotografieren, können Forscher einen kontextsensitiven, umfassenden und authentischen Einblick in ein Untersuchungsfeld erhalten. Dieser Einblick wäre u.U. mit anderen Methoden oder aus einer Forscherposition nicht möglich. Fotos eignen sich gut für die Erforschung emotionaler Prozesse weil sie den Zugang zu kognitiv weniger gefilterten Informationen erleichtern (Adolphs, Damasio, Tranel, Cooper, & Damasio, 2000; Paivio, 1986). Die Datenqualität von Fotos ist hoch: Fotografien sind eine reichhaltige Quelle für Deutungen. Die Informationen auf Fotos sind von impliziten Vorannahmen und Vorstellungen geprägt, die oft nicht versprachlicht werden (Moser, 2005). Ein weiterer Vorteil ist, dass Fotografieren nicht sprachgebunden ist und verschiedensprachige Gruppen gleichzeitig erreicht werden können. Zudem ist die Autorenschaft eines symbolischen Objektes wie einem Foto sowie hohe Partizipation mit dem Erleben von Stolz, sozialem Einfluss und Authentizität verbunden (Cslkszentmlhalyl, 1995; Malafouris, 2013; Wegner & Sparrow, 2004).

Fotos sind eher mit automatischen Prozessen wie geringer Abstraktion, psychologischer Proximität und primären Emotionen verbunden. Verbalisieren dagegen ist eher mit kontrollierten Prozessen wie hoher Abstraktion, hoher psychologischer Distanz und sekundären Emotionen verbunden (Amit, Wakslak, & Trope, 2013). Deswegen dürfte gerade die Kombination von Fotografieren und Verbalisieren tiefe individuelle psychologische Explorationsprozesse bewirken. Auf der Ebene des Erzählens und Diskutierens kann implizites Wissen durch Effekte des Gestaltschließungs-, Kondensierungs- und Detaillierungszwangs zugänglich gemacht werden. Dadurch kann sich eine Erzählung verselbstständigen und latente Sinnstrukturen aufgedeckt werden (Flick, 2011).

Bei dem Einsatz von Photovoice sollten auch Herausforderungen und mögliche negative Effekte beachtet werden (Foster-Fishman, Nowell, Deacon, Nievar, & McCann, 2005). Soziale Probleme könnten fixiert statt geändert werden, die resultierenden Daten können sehr komplex sein, die Untersuchungsgruppe kann das Eindringen in ihr Leben als unerwünscht erleben, sich ausspioniert fühlen und unkooperativ reagieren. Audioaufnahmen der Gruppendiskussionen können Nachteile wie Misstrauen gegenüber der akademischen Forschung oder Angst vor politischer Verfolgung verursachen und damit die Qualität der Gespräche begrenzen. Außerdem kann das Datenspektrum durch persönliche Urteile der Forscher_innen unangemessen eingeschränkt oder ausgedehnt werden. Zudem kann ein Photovoiceprozess sehr zeit- und kostenintensiv sein (von Unger, 2014).

Photovoice und Mixed method

Photovoice wurde bereits als Teil eines Mixed-Method-Designs eingesetzt (zum Beispiel Barclay-Goddard, Ripat, & Mayo, 2012). Photovoice kann zur Daten- und Methodentriangulation durch die Auswertung zusätzlicher Datenquellen beitragen. Beispielsweise können Fotos zusätzlich zu den partizipativen Analysen der Gruppendiskussionen von den Forschenden analysiert werden. Photovoice kann dazu beitragen, widersprüchliche Ergebnisse zu erklären oder Ergebnisse extern zu validieren. Forschung in komplexen Zusammenhängen kann durch Photovoice fokussiert werden. Inhalts-, konvergente und diskriminante Validität von Konstrukten kann durch Präzisierung von Faktoren erhöht werden. Konfundierungseffekte und Wechselwirkungen können mit Photovoice erforscht werden.

Literatur:

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Amit, E., Wakslak, C., & Trope, Y. (2013). The use of visual and verbal means of communication across psychological distance. Personality & Social Psychology Bulletin, 39(1), 43–56. doi: 10.1177/0146167212460282

Baker, T. A., & Wang, C. C. (2006). Photovoice: use of a participatory action research method to explore the chronic pain experience in older adults. Qualitative Health Research, 16(10), 1405-1413. doi: 10.1177/1049732306294118

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Barthes, R. (1978). Image-Music-Text. New York: Farrar Straus Giroux.

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