2 | Bikulturelle Identität in Berlin-Kreuzberg

2014:
Bikulturelle Identität
in Berlin-Kreuzberg 

Ziel der Studie war es, Kompatibilitätswahrnehmungen von bikulturellen Identitäten in Abhängigkeit von Identifizierungsprozessen zu untersuchen sowie zentrale Aspekte erlebter bikultureller Identität in Berlin-Kreuzberg zusammenzufassen. Dazu wurde eine Feldstudie mit sechs Personen, die durchschnittlich seit ca. 18 Jahren in Berlin-Kreuzberg wohnten und aus dem europäischen Ausland (Polen, Türkei) stammten, durchgeführt. Die qualitative Methode Photovoice wurde eingesetzt. Die Teilnehmer_innen fotografierten innerhalb von 1-3 Wochen Aspekte ihrer bikulturellen Identität (persönlich bedeutsame Orte in Kreuzberg, wichtige Gruppen, Ähnlichkeiten und Unterschiede beider Kulturen). Danach wählten sie jeweils die zwei wichtigsten Fotos aus und diskutierten diese in Fokusgruppen.

Forschungsschwerpunkte
  • Affektive und kognitive Kompatibilitätswahrnehmung der dualen Kulturen (Benet-Martínez & Haritatos, 2005),
  • personale, soziale und geographische Identitifizierung (zum Beispiel Hopkins & Dixon, 2006; Postmes & Branscombe, 2010) und
  • Evaluation von Photovoice (Wang & Burris, 1997).
Bicultural identity integration (BII)

BII (Benet-Martínez & Haritatos, 2005) setzt sich aus den distinkten Dimensionen Blendedness (Vermischbarkeit; vs. Distanz/Compartmentalisation) und Harmonie (vs. Konflikt) zusammen. Blendedness indiziert den individuell wahrgenommenen Grad der Überlappung und Harmonie den individuell wahrgenommenen Konflikt. Blendedness ist mit kognitiven und behavioralen Aspekten wie der Organisation und Strukturierung der dualen Identitäten assoziiert. Harmonie ist mit affektiven und interpersonalen Aspekten der beiden Kulturen assoziiert. Huynh, Nguyen und Benet-Martínez (2011) nehmen an, dass BII-Blendedness zu BII-Harmonie führen kann und schlugen ein BII-Entwicklungsmodell vor (siehe Abbildung). Wenn Individuen ihre dualen Identitäten als deutlich unterschiedlich wahrnehmen (beispielsweise bei hoher objektiver kultureller Distanz, sehr unterschiedlichen Lebensweisen oder der Unvermischbarkeit von Normen), können sie weniger Identitätsintegration und höheren Identitätskonflikt erleben. Wenn Identitätsaspekte konfligieren, können beide Identitäten getrennt gehalten oder verschiedene Aspekte beider Identitäten in eine neue Identität integriert werden (siehe auch Amiot, de la Sablonnière, Terry, & Smith, 2007; Ward, 2008).Bicultural-identity-integration

 Zentrale Ergebnisse

In dieser Studie manifestierten sich die wichtigsten Aspekte der erlebten bikulturellen Identität in Berlin-Kreuzberg auf interaktionaler Ebene. Es waren positiv und negativ erlebte, alltägliche Diversität und Vermischung sowie ein von Offenheit geprägtes Sozialklima. Dies war mit hoher sozialer und lokaler Identifizierung, der Wahrnehmung hoher Kompatibilität der dualen Kulturen, der Wahrnehmung zahlreicher Identifizierungsmöglichkeiten, dem Erleben von Schutz vor institutioneller und struktureller Diskriminierung und dem Erlernen von Resilienz verbunden. Dekategorisierung und schwache ethnische Identifizierung war zudem positiv mit affektiver Kompatibilität verbunden. Starke personale und nicht unbedingt ethnische Identifizierung war positiv mit kognitiver Kompatibilität verbunden, Identifizierung mit der übergeordneten Gesellschaft war hier größtenteils nicht einflussreich. Implikationen ergeben sich u.a. für die Stadtraumplanung und Institutionen. Multikulturelle Symbole im öffentlichen Raum, Diversitätstrainings auf institutioneller und struktureller Ebene sowie vermehrte Anerkennung der Leistungen von Ausländern durch Politik und Medien sind den Ergebnissen dieser Studie nach förderlich für die Weiterentwicklung des Respektes gegenüber Diversität. Weitere Ergebnisse und download der Studie hier.

Literatur

Amiot, C. E., de la Sablonnière, R., Terry, D. J., & Smith, J. R. (2007). Integration of social identities in the self: toward a cognitive-developmental model. Personality and Social Psychology Review, 11(4), 364-388. doi:10.1177/1088868307304091

Benet-Martínez, V., & Haritatos, J. (2005). Bicultural identity integration (BII): components and psychosocial antecedents. Journal of Personality, 73, 1015-1050. doi: 10.1177/1367006914526297

Hopkins, N., & Dixon, J. (2006). Space, place, and identity: issues for political psychology. Political Psychology, 27(2), 173-185. doi 10.1111/j.1467-9221.2006.00001.x

Huynh, Q.-L., Nguyen, A.-M. D., & Benet-Martínez, V. (2011). Bicultural identity integration. In S. J. Schwartz, K. Luyckx, & V. L. Vignoles (Eds.), Handbook of identity theory and research (pp. 827-844). New York: Springer.

Postmes, T., & Branscombe, N. R. (2010). Rediscovering social identity. New York: Psychology Press.

Wang, C., & Burris, M. A. (1997). Photovoice: concept, methodology, and use for participatory needs assessment. Health Education & Behavior, 24(3), 369–387. doi: 10.1177/109019819702400309

Ward, C. (2008). Thinking outside the Berry boxes: New perspectives on identity, acculturation and intercultural relations. International Journal of Intercultural Relations, 32, 105-114. doi:10.1016/j.ijintrel.2007.11.002